Zwiespalt

Schon als Kind wurde mir ans Herz gelegt: „Such dir eine Sache, perfektioniere sie. Vielseitigkeit ist schädlich.“
Ich pendelte hin und her. Ich wusste nicht, wer ich bin.
Mochte ich doch Fußball und Reiten. Ich konnte mich behaupten, aber war zu bestimmten Zeiten still. Ich war in mich gekehrt, aber unternahm gerne etwas mit anderen.
Gegenseitigkeiten zerfetzten mich. Pendelnd zwischen ihnen versuchte ich mich zu entscheiden. Traf ich eine Entscheidung, kehrte ich irgendwann zum Gegenteil zurück.
Unsicherheit. Unzufriedenheit. Zerrissenheit. Geringes Selbstbewusstsein.
Metal und Rock bringen meine Seele auf Trab. Sie heißen meine Stimmung zum höchsten Glücksgefühl an. Klassik versucht trotzdem immer wieder in mein Leben Einkehr zu halten.
Meine Liebe gilt den felligen, fedrigen, animalischen Lebensbegleitern. Mein Herz tankt Kraft, wenn die vierbeinigen Freunde das Feld durchflügen. Ihr Herzschlag wird zu meinem. Ihre Freude wird  meine. Trotzdem habe ich das gleiche Hochgefühl, wenn das Gummi sich am Asphalt abreibt. Der Motor aufheult und das maschinelle Monster kräftestrotzend über die Straße heizt.
Die Natur ist wundervoll. Wie Pflanzen wachsen, welchen Kräften sie strotzen. In ihr kommt mein Körper zur Ruhe. Die Seeligkeit legt sich auf mein Gemüt nieder. Meine Augen saugen die Schönheit auf, mein Gehirn verinnerlicht sie. Niemand kann sie erschaffen. Genauso ergeht es mir mit jedem Gefährt, dass auf der Straße zu finden ist. Natürlich gibt es dort Hässlichkeiten. Aber größtenteils erobert mich die Schönheit, von Mensch geschaffen. Pkw, Lkw, Motorrad – ich fühle mich zu ihnen hingezogen, behandele sie wie ein lebendes Individium.
Die Ordnung herrscht in meinen Kalendern. Die Ordnung herrscht in meinem Kopf. Sie ist überall wiederzufinden. Organisiertheit steht bei mir hoch im Kurs. Aber es gibt immer wieder Zeiten, in denen sie weicht. In meiner Umgebung, in meinem Kopf stapelt sich alles. Die Stapel fallen in sich zusammen. Unordnung herrscht.
Wissenschaften sind mein Steckenpferd. Analyse, Forschung, Erörterung – mein Kopf liebt es, darüber zu grübeln. Er reißt sich um Aufgaben. Alles muss logisch sein. Kunst, Musik und Literatur sind nicht logisch. Abends schauen sie vorbei. Mein Kopf läuft auf Hochtouren. Morgens Wissenschaften, abends Kunst, Musik, Literatur. Keine Pause. Alles auf einmal.
Mein Herz schreit: „Ich bin eine Künstlerseele!“ Mein Kopf schreit: „Ich bin eine Geschäftsfrau!“ Sie batteln sich. Wer kann lauter, wer siegt am Ende? Wer hat Recht? Wer bin ich?
Ich weiß nicht, wer ich bin, wenn ich mich entscheiden soll. Ich bin alles das. Das sind meine Empfindungen. Würde ich eine Entscheidung fällen, würde ich alle anderen anlügen. Ich würde mich anlügen. Ehrlichkeit ist das höchste Gut. Diese Entscheidung entspricht mir. Warum dann lügen? Perfektion in einer Eigenschaft? Entpricht mir nicht. Ich bin nicht perfekt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s